Branchen im Fokus

Nicht nur die Autos. Der Schock trifft die Breite der Industrie.

Der Automobilbau zeigt den zweiten China-Schock am deutlichsten — aber er ist längst nicht allein. Maschinenbau, Chemie und Solar erleben denselben Druck. Die Zahlen aus 2025 und 2026 sind ernüchternd.

Branche 01 · Automobil

Vom Exportmotor zum Sorgenkind

China war einmal die Gewinnmaschine der deutschen Autobauer. 2025 wurde daraus ein Rückzugsgefecht.

−33 %
Einbruch der deutschen Auto-Exporte nach China 2025 (auf ~13,6 Mrd €)
32 %
Marktanteil nicht-chinesischer Marken in China 2025 — 2020 waren es noch 57 %
2,5 Mio
chinesische E-Auto-Exporte 2025 — eine Verdopplung zum Vorjahr
51.000
verlorene Jobs in der deutschen Autoindustrie (Juni 2024–Juni 2025)

China ist im Ranking der wichtigsten Exportmärkte der deutschen Autoindustrie von Platz 2 auf Platz 6 abgerutscht. Gleichzeitig überstieg 2025 erstmals der Wert der aus China in die EU importierten Autos und Teile den Wert der EU-Exporte nach China — trotz der EU-Zölle auf chinesische E-Autos.

Wie es dazu kam

Die Verschiebung der Wertschöpfung

Wer die Fabrik verliert, verliert die nächste Technologiegeneration gleich mit.

Warum das alle angeht

Die Kettenreaktion einer Ankerindustrie

Die Autoindustrie ist kein Sektor unter vielen — sie ist der Anker eines riesigen Netzes aus Zulieferern, Maschinenbauern, Chemie und Forschung. Wenn Volkswagen über Werkschließungen und bis zu 100.000 Stellenstreichungen weltweit nachdenkt, trifft das nicht nur einen Konzern.

Es trifft tausende mittelständische Zulieferer, ganze Regionen und ein Ökosystem aus Wissen, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Eine VDA-Umfrage zeigt: 72 % der Automobilunternehmen planen, Investitionen zu verschieben, zu streichen oder aus Deutschland zu verlagern. Das ist die Mechanik, die Tordoir und Setser meinen, wenn sie von einem strukturellen Schock sprechen.

Ehrlich bleiben: Nicht alles ist „China". Hohe Energiekosten, Bürokratie, ein langsamer E-Auto-Umstieg und US-Zölle spielen ebenfalls eine große Rolle — der VDA lehnt EU-Zölle auf chinesische E-Autos sogar ab und will den Wettbewerb lieber direkt annehmen. Der China-Faktor ist ein zentraler Treiber, aber nicht der einzige.

Branche 02 · Maschinenbau

Das Rückgrat verliert seinen Titel

China hat Deutschland als weltweit führenden Maschinenbau-Exporteur abgelöst.

Der Maschinen- und Anlagenbau ist mit rund 280 Mrd € Umsatz und über 75 % Exportquote eine tragende Säule der deutschen Industrie — und steckt in der längsten Krise seit den 1990ern. Der VDMA meldet für 2025 das dritte Rückgangsjahr in Folge und das zwölfte Minusquartal in Serie; vergleichbar nur mit der schweren Rezession Anfang der 90er.

−5 %
Produktionsrückgang 2025 — drittes Minusjahr in Folge
78 %
Kapazitätsauslastung — deutlich unter dem Mittel von ~85 %
−12 %
Maschinenexporte nach China im 1. Quartal 2026
Platz 1
hält jetzt China als weltgrößter Maschinenbau-Exporteur — nicht mehr Deutschland

Der VDMA benennt den Grund klar: starker lokaler Konkurrenzdruck und unfaire Wettbewerbsbedingungen in China belasten die Nachfrage seit Jahren. Vom Staat mit hohen Subventionen gestützt, bieten chinesische Hersteller inzwischen auch technologisch anspruchsvolle Anlagen zu Preisen an, mit denen europäische Hersteller kaum mithalten können. Im Kunststoff- und Gummimaschinenbau etwa brach die Produktion 2025 um über 8 % ein, während europäische Verarbeiter zunehmend chinesische Maschinen kaufen.

Branche 03 · Chemie

Der Frühindikator zeigt nichts Gutes an

Die Chemie steht am Anfang fast jeder Wertschöpfungskette — und stagniert.

Die drittgrößte Industriebranche Deutschlands (rund 220 Mrd € Umsatz, ~478.000 Beschäftigte) produziert die Vorprodukte für Autos, Medikamente, Baustoffe, Verpackungen und Kosmetik. Wenn hier keine Dynamik entsteht, läuft auch anderswo wenig an. Der VCI-Chef bringt es auf den Punkt: Die Krise sei „nicht mehr ein Ereignis, sie ist der Betriebsmodus".

−15 %
Produktion gegenüber 2018 — im reinen Chemiegeschäft sogar ~−20 %
~72 %
Kapazitätsauslastung zeitweise — weit unter der Rentabilitätsschwelle (~82 %)
−30 %
fehlende Aufträge in der Grundstoffchemie gegenüber 2021
40 %
der VCI-Mitgliedsunternehmen klagen über gravierenden Auftragsmangel

Die Branche nennt drei Treiber: nicht wettbewerbsfähige Produktionskosten in Deutschland, Überkapazitäten in China, die die Preise drücken, und die US-Zölle. Sichtbares Symbol der Verschiebung: BASF baut sein weltweit drittgrößtes Werk im südchinesischen Zhanjiang — die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte — während in Deutschland Anlagen schließen. Kritiker sprechen bereits von einer beginnenden Deindustrialisierung.

Branche 04 · Solar

Die Warnung aus der Vergangenheit

Die deutsche Solarindustrie zeigt, wie das Ende aussieht, wenn man nicht gegensteuert.

Solar ist das mahnende Beispiel: eine einst weltführende deutsche Zukunftsbranche, die fast vollständig verschwunden ist. Mit der Insolvenz der deutschen Meyer-Burger-Gesellschaften 2025 verabschiedete sich der größte in Deutschland ansässige Solarmodulhersteller — Werke in Sachsen und Sachsen-Anhalt, hochqualifiziertes Personal, jahrzehntelang aufgebautes Technologiewissen.

0,06 €
pro Watt kosteten chinesische Module in Europa — bei ~0,10 € im Heimatmarkt: ein klares Dumping-Signal
~645
Arbeitsplätze allein bei Meyer Burger verloren; hunderte weitere bei Solarworld zuvor
2018
letztes Solarworld-Modul in Freiberg — der lange Niedergang begann früh
80 %+
der Weltmarkt-Solarmodule kommen heute aus China

Die Lektion ist bitter: Meyer Burger galt technologisch als führend — und ging trotzdem unter, weil massiv subventionierte chinesische Überkapazitäten den Preis diktierten und europäische Industriepolitik zu spät kam. Technologievorsprung allein schützt nicht, wenn der Wettbewerb nicht über das bessere Produkt, sondern über den längeren staatlichen Atem entschieden wird. Genau davor warnen Tordoir und Setser für die nächsten Branchen.

Ehrlich bleiben: In keiner dieser Branchen ist China die einzige Ursache. Hohe Energiekosten, Bürokratie (das ifo-Institut beziffert die Bürokratielast auf ~146 Mrd €/Jahr), US-Zölle und teils langsame eigene Transformation spielen überall mit. China ist ein zentraler, verschärfender Treiber — nicht der alleinige Schuldige.

Was das für dich heißt

Der Bezug zum eigenen Handeln

Vier Branchen, ein Muster: Von Autos über Maschinen und Chemie bis Solar wirkt derselbe Mechanismus aus staatlich gestützten Überkapazitäten und Preisdruck. Manches davon liegt außerhalb des Einkaufskorbs — Maschinen und Grundchemie kauft niemand privat. Aber bei Endprodukten wie Autos, Werkzeugen oder Haushaltsgeräten zählt die bewusste Wahl: Sie hält Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Region. Zugleich gilt die Ehrlichkeit dieser Kampagne: Chinesische Produkte sind oft gut und günstig, und niemand sollte für seine Kaufentscheidung verurteilt werden.

Der größere Hebel bleibt ohnehin politisch — faire Wettbewerbsbedingungen, kluge Industriepolitik, europäische Fertigungskapazität. Der bewusste Kauf ist die kleine, persönliche Ergänzung dazu.